Gott und die Seele

Seid demütig, friedfertig
und geduldig,
ertragt einander in Liebe,
und bemüht euch,
die Einheit des Geistes
zu wahren
durch den Frieden,
der euch zusammenhält.

Epheser 4,2-3

 

Jahresleitwort 2011/2012

 

Der Erste Obmann der Stefanus-Gemeinschaft Herbert Frick lud, wie bereits seit 28 Jahren, die Stefanusfreunde zu den jährlichen Besinnungstagen mit Pater Rudolf Ammann nach Heiligkreuztal ein. Pater Ammann führte die Stefanusfreunde in das neue Jahresleitwort ein, das die Arbeit der Stefanuskreise in den nächsten zwei Jahren begleiten wird.

 

Erwartungen an uns als Antwort auf Gottes Taten

Von der Ontik zur Ethik zum Echo

Im Brief an die Epheser hören wir im ersten Kapitel von der geschenkten Würde des Sohnes, der Tochter Gottes: »… er hat uns aus Liebe im voraus dazu bestimmt, seine Söhne und Töchter zu werden durch Jesus Christus …« Dieses »Sein« geschenkter Liebe löst ein Echo aus: die dankbare, antwortende Gegenliebe (Eph 5).

Das Jahresleitwort könne leicht mißverstanden werden. Das eigentliche Thema ist nicht die Ethik, nicht das »Mach’s besser« sondern das, was darunter liegt, der ethische Imperativ.

Der Epheserbrief beginnt damit, daß Paulus jubiliert und Gott preist. Gott hat uns beschenkt. Ontik bedeutet das, was ich bin. Ich bin Gottes Sohn und Tochter. Es ist ein Evangelium der Rettung – wir sind errettet, wir sind voll der Gnade. Epheser 1 gibt die Tonart an, um die die Ontik sich drehen will. Wir sind unterwegs vom Tod zum Leben.

Bevor man sich an Verpflichtungen und Herausforderungen heranpirscht, geht es darum, das was in uns ist, ganz groß werden zu lassen. Ich bin gut, weil er mich gut gemacht hat!

Wenn dies schließlich zum Echo wird, so wird es eine Chance. Wenn aus der Ontik Echo wird, dann sitzen wir im rechten Zug. Echo auf die reichlich fließende Tat Gottes.

 

Unsere Antwort wurzelt in der Mitte unserer Seele

»Bemüht euch, die Einheit des Geistes zu wahren durch den Frieden, den Shalom, der euch zusammenhält«: Christus ist der Mensch gewordene Shalom Gottes, der Gipfelpunkt seiner schöpferischen und erlösenden Liebe, der alles »friedvoll«, voller Shalom, zusammenhält.

Daraus erwächst ein Tugendkatalog, der auf der gemeinsamen Berufung zum Leben in Christus fußt. Das Entscheidende ist offenbar der Friede, der Shalom in seiner vielfältigen biblischen Bedeutung, der in Christus Jesus letztlich Mensch und uns zum Geschenk geworden ist. Gott ist der Initiator allen Shaloms und die Quelle der Hoffnung darauf.

Dabei geht um vornehmlich um »Gott und die Seelen«:

  • Gott ist ein Gott jedes Menschen, jeder Seele, jeder Entwicklung, Förderung, Verwundung, Erfüllung, Zumutung. Ich und meine Biographie, betrachtet im Lichte Gottes, der (biblisch gesehen) der Gott aller Geschichte ist. Vergleich: »Woher weiß ich, dass ich diese Frau heiraten soll?«
  • In der menschlichen Seele ist Gott ein Gott der stillen Innerlichkeit, der »Mystik« des Alltags. »Jeder meint, sein Vogel sei der Heilige Geist.« Vielleicht stimmt dies sogar.
  • Die Tiefenpsychologie kann helfen, die eigenen seelischen Prägungen wahrzunehmen (praeambula fidei irrationabilia), das Unbewusste ernst zu nehmen und die tiefsten Sehnsüchte und Bedürfnisse (zugestandene und nicht zugestandene) zuzulassen: »Warum führt mich meine Seele, der Gott meiner Seele, diesen Weg?« – Es ist oft keine biblische oder dogmatische Frage, wenn jemand nicht glauben kann, sondern eine tiefenpsychologische: zum Beispiel mit einem Vater, der Säufer ist …

 

Wie unsere Fähigkeit, Gott zu antworten, wachsen kann

Lebenshilfen, damit das göttliche Leben in uns vom Kopf ins Herz sinkt:

Auf dieser »Gnadengabe«, wie es an anderer Stelle Paulus nennt, erwartet Gott von uns und dürfen wir voneinander erwarten: Wir sind berufen, Echo der Tat Gottes zu sein in der Gestaltung unseres Lebens und Wirkens. Den Weg dazu weisen die Tugenden im Epheserbrief. Tägliche »Zwischenbilanzen« können helfen, das Ziel nicht aus dem Auge zu verlieren.

Acht praktische Impulse von Alfred Lange und Joseph Kentenich her. Sie werden sehr partiell und leider nicht durchgängig angewandt oder gar durchgehalten!

  • Die Aus- und Fortbildung geschieht dadurch, dass die »Gemeinschafts-Geschichte« pädagogisch ernst genommen und originell nacherlebt werden soll: Einschluss in den Gründungsvorgang der Stefanus-Gemeinschaft.
  • Von Thomas von Aquin kommend ist die »Zweitursache« pastoral-pädagogisch ernst zu nehmen: Es geht darum, Begegnungen mit Menschen, Orten, Ereignissen in gläubiger Deutung nachzukosten; daher die Bedeutung für Maria, Gnadenort, Vater und Mutter … – Für jeden Menschen gültig, für Christen und Nicht-Christen.
  • Das geistliche Gespräch in der Gruppe sucht nach den Angeboten und Herausforderungen Gottes im »nachverkostenden Rückblick« auf neulich Erlebtes, im »vorausverkostenden Ausblick« auf demnächst wohl auf mich/ uns Zukommendes: »Seins-, Zeiten-, Seelen-Stimmen Gottes« – Auch zu Beginn von Treffen der Freundeskreise als geistliches Element anwendbar.
  • Die Suche nach dem Eigenen (dem Erwachsenen und relativ Autonomen) dauert ein Leben lang an. Kentenich bei einem ihn kritisierenden Gespräch mir gegenüber: »Sie dürfen mir nie etwas glauben; Sie müssen alles überprüfen; wissen Sie: Kopfnicker haben wir genug!« Glaube ist ständig ein Wagnis und unterwegs – Wie steht es damit in den Gemeinden, im Bistum?
  • Das gesellschaftliche, kirchliche und persönliche Leben in einer Kommunikations- und mobilen Gesellschaft kann nicht mehr statisch, spröd und konstant sein. Auch geistliches Leben vollzieht sich in »fliegenden Inseln«, die thematisch, personell und örtlich variieren – in Spannung zum statischen und juristisch fixierten Pfarrprinzip – Vergleiche: »Ammann, Im Aufwind der Geschichte«.
  • Diaspora und »Gegenwind« von außen und Wunden von innen können zu Herausforderungen werden, das Angegriffene oder/und Verletzte als Chance zu begreifen; vergleiche: Nationalsozialimus und kirchliche Verbannung bei Kentenich: »Schicksalsschläge als Gabe und Aufgabe« – Was bekämpft wird, soll eventuell betont werden, im persönlichen und pfarrlichen Leben. – Vergleiche: »Ammann, Sieben Sterne in der Nacht« und/oder »Dockendorff, Wunden, die zum Leben führen«.
  • Daraus könnte das Schreiben eines »Lebensromans« erwachsen: die Suche nach dem »roten Faden« des handelnden Gottes, des Gottes meiner Biographie – In Gemeinden und Diözesen gibt es sicher auch einen solchen »roten Faden«, in der Stefanus-Gemeinschaft bestimmt auch.

 

Reiche Vielfalt bei unseren Antworten auf Gott

Was in Ephesus angefangen hat, hat sich in der Geschichte des Christentums fortgesetzt: die Differenzierung der Charismen, der Gruppierungen, der Akzente im Christlichen. Daraus entstehen bunte Vielfalt und geistlicher Reichtum, aber auch Spannungen und Spaltungen. Deren Auflösung und Heilung, die Einheit wird nur der Geist Gottes bewirken können. Der wird es aber auch tun. Den ersten Teil des Jahresleitwortes »Seid demütig, friedfertig und geduldig, ertragt einander in Liebe« könnte man vielleicht so übersetzen: Seid dankbar für die Größe, die nicht aus euch kommt, sondern von Gott! Seid überzeugt, dass ihr voller Shalom seid, und bereit, ihn auszustrahlen und anderen weiter zu geben! Seid im Glauben und Vertrauen stark, wenn Gott uns Zumutungen antut! Seid wohlwollend tolerant, nicht neidisch und eifersüchtig, sondern gönnt dem anderen seine Größe aus dem Bewusstsein, selber in Gottes Licht groß zu sein!

Herbert Frick, Erster Obmann

 

Pater Rudolf Ammann ISch

»Wir können das Ernstnehmen unserer Wichtigkeit nicht übertreiben.«

 

Pater Rudolf Ammann ISch

»Werft alle Schuld in das Meer der Erbarmungen Gottes.«

Pater Rudolf Ammann ISch

»Der Edelstein Gottes, in den Makrokosmos gefasst, das bin ich!«

 

Pater Rudolf Ammann ISch

»Wir müssen unsere Seele ernst nehmen. -
Die Kopffrömmigkeit ist zu wenig in die Seele hinabgerutscht.«
 


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